The Sleep Of Reason

by Dirk Stewen


Katalogtext, 53°50’00.50“ N 11°16’24.00“ E, Stipendium Schloss Plüschow, 2008

In den konsequenten Arbeiten von Andrea Winkler sind Flüchtigkeit und metallische Härte eng umschlungen. In ihnen liegt radikaler Zorn, der in Zeitlupe ausgeführt wurde. Diese sorgsame Geste bestimmt die Natur der Dinge, die unbewegt vor uns liegen.

Auf dem Boden gelegt und ausgebreitet ruhen die Objekte nach einer gut durchdachten Form der Explosion. Sie sind jetzt so schön. Ein Hauch von Wärme verflogener Berührungen ist dort, als wären die Dinge gerade erst hier verlassen worden.

Es entfahren dem schlafenden Kopf die Kreaturen, die uns die Vernunft streng verbietet, eine Heerschar von Teufelchen und Fratzen flattert in einer duftigen Wolke. Sie steigen hinauf und machen unkontrollierten Druck. Hier sind sie nun alle gelöst auf der Erdoberfläche gelandet. Die Knoten wurden geöffnet und es erscheint ein Batikmuster.

Darauf gelegt sind eine kleine Menge Pistazienschalen, manche mit Filzstift bemalt, ein Laptop und auch zerknittertes Lametta. Eine mit Lack besprühte Zeitungsseite liegt auf gefalteter Goldfolie und eine kleine Kerze abgebrannt in einer Untertasse. Als habe hier ein nächtliches Zusammentreffen stattgefunden, dessen Überreste im Tageslicht Ihre Farben zeigen. Sie sind verlockend aber in ihnen liegt auch Erschöpfung.

Eine Mütze liegt auch dort aus dem Kaufhaus, Hip Hop. Ein viel versprechendes Pfand, das vielleicht wieder zurückgetauscht wird. An der Wand eine einzelne Magazinseite, in die eine Spirale geschnitten wurde.

Do you hear me?

Jedes einzelne Element wurde so verändert oder benutzt, dass die von der Künstlerin bevorzugte Formpalette und Farbigkeit erscheint. Die eingefärbten Tücher aus Jersey und Viskose zeigen feine Knitterfalten. Darauf wirken die Nussschalen achtlos und trotzdem nicht wie Müll. Nur diese Mütze bleibt unverändert, sie ist fertig so wie sie ist und mag zuletzt dazugekommen sein.

Die Beschreibung der einzelnen Fragmente ist jetzt also möglich, doch zusammen bildet das Arrangement die Behauptung eines flüchtigen und längst vergangenen Moments der Erhebung.
Dieser Moment mag unvernünftig gewesen sein und das jetzt Vorhandene wirkt im Eingeständnis dessen temporär. In ihrer sinnlichen Präzision und gleichzeitigen Verweigerung entfachen die Arbeiten von Andrea Winkler einen Sog, dessen Macht nur in einem Zustand der Fragilität zu erfahren ist und ansonsten verhallen wird. Sie verlangen nach Empfindsamkeit.

Le cadeau est seul:
il n’est touché
ni pas la générosité
ni pas la reconnaissance,
l’âme ne le contamine pas.

Das Geschenk liegt allein da:
Nichts berührt es,
weder Großzügigkeit
noch Dankbarkeit,
die Seele infiziert es nicht.*



*Aus Roland Barthes: Das Reich der Zeichen

 


In the consistent work of Andrea Winkler, fugitiveness and metallic hardness are closely embraced. Through them radical anger is performed in slow motion. These careful gestures define the nature of the things that are now lying motionless in front of us.

Spread out on the floor, the objects seem to be resting, composed after a well planned explosion. They are so beautiful now. There is a breeze of remembrance, as if the things were just left here.

The creatures fly off the sleeping head, the ones that reason strictly forbids. A host of devilkin and grimaces flickers in a gossamer cloud. They rise and produce uncontrollable pressure. Here they are finally landed, loose, on the earth’s surface. The knots have been opened and a batik pattern appears.

Pistachio shells are lying on top of it, some are painted with a pen. A laptop and crinkled tinsel. A page from a newspaper sprayed with lacquer is lying on folded golden foil, a small used candle on a plate. As if a night meeting had happened and the remains are now exposed in the daylight. They are tempting, but exhausted.

A hat is lying there as well, from a supermarket, Hip Hop. A promising deposit that could be returned eventually. On the wall a single magazine page, a spiral cut into it.

Do you hear me?

Every element has been altered or used so that the form-palette and flamboyance preferred by the artist appear. The coloured cloths made of jersey and viscose show little wrinkled pleats.
The nutshells on top of them seem careless but unlike rubbish. Only the hat is unchanged, it is already finished and might have been last to join.

The description of the single elements is possible but together the arrangement claims an ephemeral, bygone moment of exaltation. This moment might have been unreasonable. The present shapes confess their temporality. With their sensual precision, the works of Andrea Winkler radiate attraction. One can experience their power only in a state of fragility. Otherwise it could just fade away. They require sensitivity.


Le cadeau est seul:
il n’est pas touché
ni pas la generosité
ni pas la reconnaissance,
l’âme ne le contamine pas.

The present is lonely:
nothing touches it
nor generosity
nor appreciation,
the soul does not contaminate it.*
 
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