Aus Made in Switzerland – Made in Berlin? - Schweizer Künstler und Kuratoren in Berlin
Birgit Szepanski

Kunsttermine, 2009

Andrea Winkler (...) nutz die Atmosphären und Bedingungen der jeweiligen Ausstellungssituation, um flüchtig anmutende Interventionen zu inszenieren. Der ›schöne Schein‹ zerbricht, zerfällt immer – in der Schönheit scheint ein immanentes Kräfteverhältnis zu liegen: Anmut, Leichtigkeit, Glanz ist mit Zersetzung, Verfall und Auflösung unauflösbar verbunden. Andrea Winklers künstlerischer Gestus, mit dem sie auf vorgefundene Raumsituationen reagiert ist irritierend, stiftet Ambivalenz und ist vor allem Modus einer Begehrlichkeit. Der Betrachter spürt in den Ausstellungsräumen der Anna-Catharina Gebbers Bibliothekswohnung Berlin (White Belt, 2007) einer szenisch angelegten Raum-Choreografie nach, entdeckt stilisierte Beweise einer gleichzeitigen An und Abwesenheit einer Person und einer Atmosphäre des Wohnens. Eine am Fenster hängende, rot besprühte Folie, zusammengeknüllte, herabhängende Handtücher im Badezimmer, an die Wand geklebte, mit Faltungen versehene Werbebilder, farbige Tabletten, sorgsam auf den vorhandenen Kühlschrank gelegt sind ästhetische Identifikatoren einer fiktionalen, glamourösen und zugleich brüchigen Lebenswelt. Der subtile Blick des Begehrens, den Andrea Winkler in ihren räumlichen Collagen und Assamblagen formuliert ruft einen emotionalen, psychischen Schwebemoment von Verlangen, Verlust, Erwartung und Imagination hervor. So auch bei den scheinbar unscheinbaren Veränderungen in den Zimmern des Hotels Alpenhof in St. Anton, Appenzell (Great Vacancy, 2008). Das Hinzufügen eines Stücks Stoff neben einen Vorhang, zu Lampen gehängte, geknitterte Lampions und die Choreografie eines mit Fehlmomenten inszenierten Feuerwerks zum 1. August (Nationalfeiertag der Schweiz) – damit verweist Andrea Winkler auf den obskuren Schein unserer Gegenstände des Alltags, ihrer Wertigkeiten, ihren scheinbaren Sensationscharakter und dem Charakter von Räumen und Interieurs. Andrea Winklers latent-flüchtig anmutende Berührungsspuren tarieren präzise jenen ›schönen Schein‹ von Oberfläche und Zerrfall aus. Darinnen splittern Oberflächen, werden Volumen brüchig und Andrea Winklers sensitiver Sog vonVerführung und Destruktion führt in die Sphäre einer räumlich- aufblätternden Transgessivität.

 
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Andrea Winkler […] uses the atmosphere and conditions of the respective exhibition situations to stage volatile, ephemeral interventions. The beautiful appearance breaks, always falls apart –beauty seems to hold immanent strengths of power. Grace, lightness, glamour are merging indissolubly with decomposition, decay and dissolution. Andrea Winkler’s artistic »gestus« (approach) how she reacts on encountered spatial situations is irritating, causes ambivalences and is most of all mode of desiring. The spectator traces a scenic arranged room-choreography in the exhibition spaces of Anna-Catharina Gebbers Bibliothekswohnung Berlin (White Belt, 2007), discovers stylised proofs of the presence and simultaneously the absence of a person and an atmosphere of habitation. A red painted foil hanging in front of the window, crumpled-up, dropping towels in the bathroom, applied folds on advertisement images, stacked on the wall, coloured pills, carefully placed on the fridge are identifier of a fictional, glamorous and at the same time fragile lived in world. The subtle view, Andrea Winkler formulates in her spatial collages and assemblages evokes an emotional, mental moment of floatation of desire, loss, expectations and imagination. Like in the seemingly unapparent alterations in the rooms of the Hotel Alpenhof in St.Anton, Appenzell (Great vacancy, 2008). The adding of a piece of fabric next to a curtain, joined in between some lampshades wrinkled lampions, and the choreography of a firework with incorporated faulty moments – like this Andrea Winkler refers to the obscure shine of our everyday objects, their values, their apparent sensational nature and the character of rooms and interiors. Andrea Winkler potentially ephemeral traces of contingencies tare precisely this beautiful shine of surfaces and decay. In it superficies split, volumes get brittle, and Andrea Winkler’s sensitive undertow of seduction and destruction leads into a sphere of a spatially unfolding transgression.
 
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